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Ein detektivisches Dokumentarprojekt
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Vortrag am “Tag der Erinnerung und Mahnung” Potsdam/September 2011

Erinnern an die Verfolgung der Homosexuellen

Klaus Stanjek , 11.9.2011

Zum „Tag des Erinnerung und Mahnung“ möchte ich auf die Verfolgung der Homosexuellen durch die Nationalsozialisten hinweisen.

In den Konzentrationslagern der Nazis landeten etwa 5.000 bis 15.000 Homosexuelle. Etwa die Hälfte davon kamen darin um. (Quellen: E.R. Lautmann 1977; R. Hoffschild, 2002).

Diese Zahlen sind bisher nur grobe Schätzungen. Genauere Zahlen konnten bis heute nicht ermittelt werden. Das liegt vor allem daran, dass homosexuelle Handlungen bis in die 90´ger Jahre hinein verboten waren und bis heute noch nicht ganz vom Tabu befreit wurden. Das wiederum führte dazu, dass nur wenige homosexuelle Opfer bereit waren, in der Öffentlichkeit über ihr Schicksal zu reden. Und es führte ebenfalls dazu, dass bis heute nur wenige Forscher sich auf diesem Gebiet spezialisiert haben.
Daher gibt es bisher zwar diese und jene Zahlen von Opfern, viele Listen mit Namen, aber nur wenige konkretere Berichte und Erzählungen über konkrete Schicksale von Individuen. Hinter den Zahlen der Opfer erkennt man zu wenig die Menschen, ihre Gesichter und persönlichen Geschichten.

Das ist einer der Gründe für mein Dokumentarprojekt, das ich hier vorstellen möchte. Im Zentrum dieses Projektes steht die Lebensgeschichte des Rosa-Winkel-Häftlings Wilhelm Heckmann. Er verbrachte fast 8 Jahre in Nazi-Konzentrationslagern. Zuerst in Dachau – von 1937 bis 1939, und dann im KZ Mauthausen, von 39 bis 1945.
Er überlebte diese lange Zeit, was mich lange Jahre verwunderte. Im KZ Dachau starben insgesamt mindestens 31.000 Menschen (bei einer Gesamtzahl von 200.000 Häftlingen). Im KZ Mauthausen kamen von insgesamt über 200.000 Häftlingen mindestens 105.000 Menschen um. Die durchschnittliche Überlebensdauer hatte dort 3 bis 6 Monate betragen. Aber Heckmann überlebte trotzdem – trotz einer Haftdauer von 39 bis Mai 45.

Er war eingeliefert worden mit dem Vermerk: „wegen Paragraph 175“.
Er war 1934 anonym angezeigt worden wegen homosexueller Betätigung, vermutlich im Jahr 1937 noch einmal. Aber dazu sind bisher kaum Belege zu finden.

Vor der Verschärfung der Schwulenverfolgung durch die Nazis stand die Homosexualität schon lange in negativem Ansehen in der Bevölkerung. Seit langem war es in Deutschland verboten, dass Männer untereinander sexuell verkehrten. Der entsprechende Paragraph des Reichsstrafgesetzbuches , der Paragraph 175, stellte „beischlafähnliche Handlungen“ unter Strafe.

Der Beginn der massiven Schwulenverfolgung war wohl die sog. „Nacht der langen Messer“ im Juni 1934, als Hitler den Konkurrenten Ernst Röhm (und zahlreiche andere) ermorden ließ und verbreitete, dieser habe einen Putsch vorbereiten wollen. Außerdem wurde seine Homosexualität als Argument benutzt, obwohl diese schon lange davor bekannt war.

Die Verschärfung des Paragraphen 175 im Jahre 1935, nicht lange nach der Ermordung von Ernst Röhm, beinhaltete, dass sämtliche „unzüchtige“ Handlungen unter härtere Strafen gestellt wurden. (Das hieß z.B. auch streicheln oder küssen).
Der vehementeste Agitator gegen Homosexuelle war Heinrich Himmler. 1936 richtete er in Berlin die Zentralstelle zur Verfolgung der Homosexualität ein – innerhalb des „Reichssicherheitshauptamtes“.
1941 verfügte Hitler die Todesstrafe für homosexuelle Betätigung innerhalb der SS und der Polizei. Vermutlich auf Druck von Himmler.

Seit 17 Jahren, also seit 1994 sind homosexuelle Handlungen in Deutschland erlaubt – vom „Schutzalter“: 14 Jahren an, so wie andere sexuelle Handlungen auch. Nach der heutigen Rechts-Auffassung werden die Urteile gegen Homosexuelle aus der Zeit des Nationalsozialismus für nichtig gehalten. Die Gruppe der verfolgten Homosexuellen wird als Opfergruppe anerkannt, nachdem sie lange Zeit kriminalisiert waren. Homosexualität (unter Männern oder Frauen) wird heute als eine Variante menschlicher Grundbedürfnisse anerkannt.
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Willi Heckmann hat diese Liberalisierung noch erleben können. Er starb 1995. Ein Jahr nach der vollständigen Abschaffung des § 175.

Ich kannte Wilhelm Heckmann bereits als kleiner Junge, weil er mein eigener Onkel war. Er war zeitweilig öfter bei uns zu Hause als mein Vater. Ich bin also mit ihm aufgewachsen. Das war in Wuppertal. Erst als er 90 Jahre alt wurde, hörte ich beiläufig, ja fast zufällig, dass er 8 Jahre im Lager war wegen seiner Homosexualität. Bis dahin – ich war in dieser Zeit 40 Jahre alt – hatte ich also nichts von seiner KZ-Erfahrung geahnt.
Sowohl er als auch meine ganze Familie hatten bis dahin darüber geschwiegen. Was mich sehr empörte. Zumal wir zu Hause öfters über Konzentrationslager gesprochen hatten. Aber dass mein eigener Onkel selbst ein Opfer war, wurde verheimlicht.

Ich denke heute, dass viele Familien in Deutschland über unbequeme Wahrheiten ihrer Familienmitglieder hinweggehen und sie verheimlichen. Allerdings halte ich das für wenig hilfreich. Das Verschweigen kann nicht verhindern, dass die Widersprüche in den Familien weiter gären und wirksam bleiben, und manchmal an unerwarteten Stellen ausbrechen.

Ich mochte diesen Onkel gut leiden. Er hatte einen lebendigen Humor, konnte lachen, und machte manchmal herrlichen Quatsch. Er strahlte eine Art innerer Freiheit aus.
Und vor allem: er war Musiker und konnte wunderschön singen, Klavier und Akkordeon spielen. Er war Berufsmusiker und hatte Auftritte in ganz Deutschland – Stuttgart, Berlin, Düsseldorf, Gotha, München…
Davon, dass er schwul war, merkte ich nichts. Als ich 16 war, heiratete er. Da war er bereits 67 Jahre alt. Auf die Idee, dass Schwule Männer eventuell Frauen heirateten, weil eine Ehe zwischen Männern damals völlig undenkbar war, kam ich nicht.

Als ich viele Jahre später von seiner KZ-Haft erfuhr, versuchte ich, mit ihm darüber zu reden. Das verlief beim ersten mal nur ganz wortkarg. Auch weil ich dachte, dass ihn die Erinnerungen sehr schmerzen müssten. Wochen später machte ich mit ihm einen langen Ausflug in seine Heimatstadt. Da erzählte er etwas mehr. Das KZ sei sehr hart gewesen. „Immer Steine schleppen – im Steinbruch“. Aber er konnte dort Musik machen. Und hatte deshalb mehr zu essen als andere. Er erzählte mir, dass er relativ bald ein kleines Trio aufgebaut hatte, und dann für die SS-Wachmannschaften aufgespielt hatte. Und dafür mit Essen belohnt wurde. Später half er mit beim Aufbau des großen Lagerorchesters und wirkte dort als Sänger und Akkordeonist mit.
Am Ende fragte ich ihn, ob wir seine Erfahrungen nicht auf Video aufzeichnen sollten, um es weitergeben zu können. Das müsse man doch festhalten. Aber er lehnt ab. Nein! Kein Film! Er wollte auf keinen Fall, dass ich einen Film darüber machen würde! Solange er lebte.

Natürlich war ich enttäuscht. Und dachte mir, dass er sich nicht öffentlich als Schwuler „outen“ wollte. Und ihn das alles zu sehr schmerzen würde.

Aber es ließ mir keine Ruhe.

Bei meiner ersten Reise ins KZ Mauthausen entdeckte ich dann diese berühmten Fotos von der Musikergruppe aus dem Jahr 1942. Ein entflohener Mann, der von der SS wieder gefasst wurde, wurde stundenlang durchs Lager geführt, bevor er zum Galgen gebracht wurde. Zur Abschreckung mussten alle Häftlinge antreten und sich das Spektakel ansehen : vorne weg marschierte eine kleine Musikkapelle von Häftlingen – und in der Mitte der ersten Reihe, mein eigener Onkel! Offenbar als musikalischer Leiter der Kapelle.
Diese Fotos sind seit langem bekannt, wurden bereits im Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1946 vorgeführt und belegen den zynischen Umgang der Nazis mit den Häftlingen.
Aber wer die Musiker eigentlich sind, war den Historikern bisher nicht bekannt.

Später, zurück aus Mauthausen, zeigte ich meinem Onkel dieses Foto und wollte wissen, was er dazu sagen würde. Er: schaute sich das kurz an, nickte knapp, blieb ansonsten völlig reglos, und gab es mir zurück. Wortlos. Ich merkte, dass er nicht darüber reden wollte und offenbar seine Gefühle völlig abgeschnitten hatte.

Einige Jahre später, nicht lange vor seinem Tod, übergab er mir allerdings eine Reihe von Objekten, die mit dem KZ zu tun hatten – wortlos. Ohne Erklärung.
Darunter
• ein originales Protokoll des Verhörs, das die amerikanischen Befreier des Lagers mit Franz Ziereis, dem Lagerkommandanten durchführten – ein brutales Zeugnis der dortigen Verbrechen.
• Ein Brief, den er selbst noch im Lager geschrieben, aber nicht abgeschickt hatte,
• und ein Foto eines Mithäftlings, des Musikers Georg Streitwolf und noch einiges mehr.

Ich verstand diese Geste als einen Auftrag ohne Worte – nämlich als den Auftrag, mich später doch mit diesen Unterlagen und seiner Haftzeit zu beschäftigen und dieses Wissen zu bewahren und weiterzugeben.

Seit dieser Zeit habe ich Archive aufgesucht, Interviews geführt und Dokumente gesammelt, um weitere Hinweise über seine Zeit in den Lagern der Nazis zu finden. Unter diesem Vorzeichen steht auch mein Projekt, das ich „Klänge des Verschweigens“ genannt habe:
ein historisches Dokumentations-Projekt, in dem wir
Materialien über die Homosexuellen-Verfolgung am Beispiel von
Wilhelm Heckmann online verfügbar machen.

Zur Zeit entsteht ein

• Online – Webarchiv mit Dokumenten, Fotos, Texten und Musikstücken, die Heckmann selbst singt – zum Download und Nutzung unter den Regeln von „Creative Commons“ – gemeinnützig.
Für weitere Forschungen, aber auch besonders für die
Bildungsarbeit. Dazu sollen hier auch Filmaufnahmen, Video-Clips, z.B. von ehemaligen Häftlingen und Augenzeugen eingestellt werden.
www.Klänge-Des-Verschweigens.de

• Ein langer Dokumentarfilm zum gleichen Thema ist in Arbeit. Er soll im Fernsehen gezeigt werden, auch im Ausland, in denen Interesse an der „schwulen Geschichte“ besteht.

• Der Film wird dann mit Sicherheit auch als DVD verfügbar werden und vermutlich auch in kürzeren Versionen für die Bildungsarbeit, z.B. den Schulunterricht verfügbar sein.

• Eine Broschüre ist außerdem geplant. Für manche Zwecke ist diese Form weiterhin sinnvoll.

• Eine Ausstellung wurde uns ebenfalls angeraten. Speziell das große „Schwule Museum“ in Berlin hat daran Interessen angemeldet.

Das Ganze kostet natürlich: Zeit, Engagement und Geld. Ich habe seit langem verschiedene Förder-Anträge gestellt. Viele Institutionen haben abgelehnt. Manchmal mit dem Hinweis:
• „wir hatten doch schon soviel über den Faschismus!“ oder
• „Das interessiert die Zuschauer nicht.“
Die Finanzierung dieser Vorhaben ist bis heute sehr schwierig.

Für die Website hat sich die Rosa-Luxemburg-Stiftung engagiert und einen Zuschuss bewilligt.
Ebenso hat das Kulturreferat der Stadt München meine umfangreichen Recherchen durch die Archive und die Online-Datenbank mit einem Zuschuss unterstützt.

Der Film – naturgemäß am teuersten – wird bisher nur vom Westdeutschen Rundfunk mitfinanziert. Zu einem guten Viertel der Kosten.

Wir könnten Verstärkung gut gebrauchen. Vielleicht hat jemand Lust, uns bei Recherchen zu helfen, mit zumachen, einen Teil zu übernehmen… Zum Beispiel als Praktikum.
Für Bildungsarbeit werden solche Materialien, die wir herstellen, dringend gebraucht.

Vor allem auch gegen die Ausbreitung der Neonazis, die immer wieder von Neuem die Zeit des „Dritten Reiches“ beschönigen, und dabei gegen Homosexuelle polemisieren – hilft vor allem Aufklärung – immer wieder von Neuem…
Und dazu wollen wir gerne beitragen.